Martin Luther - kl 300

Kam Martin Luther doch zu früh?

Was man heute als „Ökumene“ zwischen den christlichen Kirchen – dem Weltkirchenrat gehören 384 Kirchen an! – bezeichnet, das ist so etwas wie ein Abbau früherer Trennung und Spannungen. „Ökumene“ ist auch der schwierige Versuch einer Entkrampfung von Positionen, die sich widersprechen oder sogar ausschließen. Man ist immer wieder bei dem Gegensatzpaar, das sich im 16. Jahrhundert herausgebildet hat: Martin Luther, stellvertretend auch für die anderen Kirchen-Reformatoren, und dem Papst.

Doch geht es heute nicht um Papst Leo X, mit dem Martin Luther es zu tun hatte, sondern um Papst Benedikt XVI. Aber irgendwie wirkt es nach, was man sich damals gegenseitig vorgeworfen hat. Im Jahre vor seinem Tod schrieb Martin Luther noch die Kampfschrift: „Wider das Papsttum, vom Teufel gestiftet.“ Der Papst hatte Jahre vorher ihm die Bannbulle geschickt und den Kaiser aufgefordert, dem Ketzer den Prozess zu machen, sicher mit tödlichem Ausgang. Da konnten auch die zahlreichen Streitgespräche nicht mehr viel bringen. Eine Verständigung war nicht mehr möglich. Aus der von den Kirchen-Kritikern angestrebten Kirchen-Reform wurde eine Kirchen-Reformation mit immer weiter gehenden Trennungen und Abspaltungen. Dabei hatte es am 31. Oktober 1517 eigentlich ganz anders begonnen. Der Wittenberger Professor für biblische Theologie wollte eine theologische Diskussion, eine innerkirchliche Verständigung über den Ablass.

Dabei ging es um den Nachlass der zeitlichen Sündenstrafen durch päpstliche Verfügung. Das hatte dem Augustinermönch als Priester im Beichtstuhl Angst und Sorge bereitet. Auf der einen Seite herrschte in der damaligen Zeit große Angst vor Fegefeuer und Hölle mit furchtbaren, endlosen Qualen. Auf der anderen Seite die bange Frage: Konnte ein mit Geld gekaufter Ablassbrief Abhilfe und Rettung schaffen? Aus einem Streit um Kirchenlehren wurde dann ein schrecklicher Kirchenkampf bis hin zu grausamen Kriegen. Heute frage ich mich manchmal, ob der 31. Oktober wirklich den Namen „Reformationsfest“ oder „Gedenktag der Reformation“ verdient. Was damals hätte anders anfangen können, hat der Kirche, die aus der Jesus-Bewegung entstanden ist, furchtbaren und vielfältigen Schaden zugefügt.

Und ich denke weiter, dass Martin Luther zu früh gekommen ist, weil die Zeit noch nicht reif war für eine wirkliche und wirksame Erneuerung der Kirche. Ein Graben zwischen den getrennten Kirchen wurde aufgeworfen, und viele haben sich in den fast fünf Jahrhunderten bemüht, aus ihm einen „garstigen Graben“ zu machen, über den es keine Stege oder Brücken gibt. Nun haben wir die „Ökumene“, das Bemühen um eine Überwindung der Trennungen, vielleicht sogar mit dem Ziel, dass es eines Tages wieder so etwas wie e i n e Kirche Jesu Christi gibt – wenn auch mit verschiedenen Zweigen. Wenn Martin Luther jetzt wiederkäme und mit Papst Benedikt XVI. sprechen könnte – zwei Kirchenleute aus Deutschland! -, könnte da sich nicht etwas anderes entwickeln als im 16. Jahrhundert?

Wilhelm Drühe (6. Februar 2013)